METAL

40 Jahre SOMEWHERE IN TIME: Wie Iron Maiden ihren eigenen Sound neu erfanden

30. September 2026·Von Radio SchwarzeSeele Redaktion
Iron Maiden: 40 Jahre SOMEWHERE IN TIME
Bild: Sarah Angeli

Vor vier Jahrzehnten wagten Iron Maiden einen der mutigsten Schritte ihrer Bandgeschichte: Mit SOMEWHERE IN TIME, veröffentlicht 1986, revolutionierten die britischen Heavy-Metal-Ikonen ihren eigenen Sound und setzten damit einen Meilenstein, der bis heute nachwirkt. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums blicken wir zurück auf ein Album, das zunächst polarisierte und sich schließlich als wegweisendes Meisterwerk etablierte.

Nach der „World Slavery“-Tour, die sich zwischen 1984 und 1985 über sagenhafte 331 Tage und 187 Konzerte erstreckte, standen Iron Maiden vor einer Zäsur. Die Band befand sich damals auf dem absoluten Höhepunkt ihres Erfolgs. THE NUMBER OF THE BEAST aus dem Jahr 1982 und POWERSLAVE von 1984 waren beide mit Platin ausgezeichnet worden und galten als exemplarische Triumphe der New Wave Of British Heavy Metal. Doch statt sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen, entschieden sich Steve Harris und seine Mitstreiter für einen radikalen Neuanfang.

Der mutige Griff zum Gitarren-Synthesizer

SOMEWHERE IN TIME sollte sich näher am eingängigen Klang der Achtzigerjahre orientieren – eine Entscheidung, die zunächst für erhebliche Kontroversen im Maiden-Publikum sorgte. Der Einsatz von Gitarren-Synthesizern wurde von vielen Fans kritisch beäugt, einige befürchteten gar eine Verweichlichung des typischen Maiden-Sounds und eine generelle Kommerzialisierung des gesamten Metal-Genres. Diese Sorge war zur damaligen Zeit nicht unbegründet, schließlich befand sich die Hard-Rock-Industrie in einer Umbruchphase, in der zahlreiche etablierte Bands wie Black Sabbath oder Led Zeppelin mit sinkenden Erfolgszahlen zu kämpfen hatten.

Trotz aller Bedenken hielten Adrian Smith und Steve Harris an ihrer Vision fest und schrieben Songs, die heute zu den unverzichtbaren Klassikern der Metal-Geschichte zählen. ‘Wasted Years’, ‘Sea Of Madness’ und ‘Stranger In A Strange Land’ erreichten trotz – oder gerade wegen – ihrer poppigen Achtziger-Note und eingängigen Ohrwurm-Refrains regelrechten Hymnenstatus. Bereits der Opener ‘Caught Somewhere In Time’ demonstrierte eindrucksvoll, wie sich die neuen Rock-Synthesizer-Klänge mit den Maiden-typischen Powerchords kombinieren ließen, ohne dass der Sound an Härte einbüßte.

Ein Meisterwerk zwischen Kommerz und Anspruch

Schnell erkannte man in der Metal-Szene, dass es sich bei SOMEWHERE IN TIME keineswegs um einen Ausverkauf handelte, sondern um ein echtes Meisterwerk. Der „neue“ Sound unterschied sich letztlich gar nicht so drastisch vom bisherigen Maiden-Stil, wie es zunächst befürchtet worden war. Zwar schlug das Album zweifellos eine Brücke zwischen kommerziellem, radiotauglichem Rock und unkonventionellem Heavy Metal – doch Songs wie ‘Heaven Can Wait’, ‘Deja-Vu’ und ‘The Loneliness Of The Long Distance Runner’ bewiesen, dass die Band ihre Fähigkeit, ordentlich anzukurbeln, keineswegs verloren hatte.

Auch textlich und thematisch blieben Iron Maiden ihren gewohnten erzählerischen Narrationen treu. Die cineastischen Referenzen, für die die Band längst bekannt war, zogen sich weiterhin durch das gesamte Werk – angefangen beim Album-Cover, das sich unverkennbar am Kultfilm ‘Blade Runner’ orientierte, bis hin zu den epischen Melodien, die auch heute noch absolut filmtauglich klingen.

In der Wertschau von Metal Hammer brachte es Autor Frank Thießies treffend auf den Punkt: „Mit einer etwas polierteren Produktion und dem Einsatz von Gitarren-Synthesizern tragen nun auch Maiden dem omnipräsenten Achtziger-Sound-Zeitgeist Rechnung, tappen aber nicht in die TURBO-Falle, sondern wissen den kontemporär modifizierten Sound gewieft für sich als Klangfarbenzugewinn zu nutzen.“ Diese Einschätzung verdeutlicht, warum das Album trotz anfänglicher Skepsis heute als einer der wichtigsten Wendepunkte in der Bandgeschichte gilt.

Eine strategisch kluge Mission ins Ungewisse

SOMEWHERE IN TIME war letztlich ein mutiger und notwendiger Schritt für das Fortleben von Iron Maiden. Während zahlreiche Genre-Kollegen in dieser Ära mit sinkenden Verkaufszahlen und schwindender Relevanz zu kämpfen hatten, wagten die „Eisernen Jungfrauen“ eine strategisch kluge Mission ins Ungewisse. Angesichts der teils heftigen Reaktionen aus der Fangemeinde hätte man meinen können, es wäre klüger gewesen, profitorientiert zu handeln und sich der öffentlichen Meinung anzupassen – so wie es manch andere Band in dieser Situation getan hätte.

Doch die Intuition von Steve Harris und Adrian Smith erwies sich als goldrichtig. Trotz des angepassten Sounds und der neuen Impulse beim federführenden Songwriting behielten Iron Maiden sämtliche Alleinstellungsmerkmale, die sie zuvor ausgezeichnet hatten. Das Gesamtpaket stimmte weiterhin, und gleichzeitig wurde mit SOMEWHERE IN TIME eine neue Grundlage für alle folgenden Meisterwerke der Band geschaffen. Das Album wurde schließlich mit Platin ausgezeichnet und gilt heute als Aufbruch in eine neue Iron-Maiden-Ära.

Bis heute ungebrochener Erfolg

Der langfristige Erfolg von Iron Maiden lässt sich in beeindruckenden Zahlen ausdrücken: Inzwischen haben sich weltweit über 100 Millionen Alben der Band verkauft. Und auch nach vier Jahrzehnten geben die britischen Heavy-Metal-Könige keine Ruhe. Ihr bislang jüngster Tonträger SENJUTSU, der am 3. September 2021 erschien, stieg bereits eine Woche nach Veröffentlichung auf Platz eins der deutschen Album-Charts – ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die Strahlkraft der Band ungebrochen ist.

Rückblickend zeigt sich, dass SOMEWHERE IN TIME weit mehr war als nur ein weiteres Album in der umfangreichen Diskografie von Iron Maiden. Es war ein Wendepunkt, an dem die Band bewies, dass künstlerischer Mut und kommerzieller Erfolg keine Widersprüche sein müssen. Vierzig Jahre später steht das Album als eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass eigenwilliges und authentisches Handeln sich langfristig auszahlt – eine Lektion, die weit über die Grenzen des Heavy Metal hinaus Bestand hat.

Quelle: Metal Hammer DE· Originalartikel ↗

Zuletzt aktualisiert: 30.9.2026, 14:16:03

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