METAL

Europe: Joey Tempest über Höhenflug und Bruch bei „The Final Countdown“

30. September 2026·Von Radio SchwarzeSeele Redaktion
Europe: Von wegen final
Bild: Frank Thießies

Die schwedische Rockband Europe blickt im Rahmen eines ausführlichen Interviews im METAL HAMMER auf eine der bewegendsten Phasen ihrer Bandgeschichte zurück: die Entstehung und Nachwirkung des 1986 veröffentlichten Albums THE FINAL COUNTDOWN. Sänger Joey Tempest erzählt darin nicht nur von der Euphorie des internationalen Durchbruchs, sondern auch von den Konflikten, die kurz darauf zum Ausstieg von Gitarrist John Norum führten – und davon, wie die Band Jahrzehnte später zur ursprünglichen Besetzung zurückfand.

Als Europe im Mai 1986 ihr drittes Studioalbum THE FINAL COUNTDOWN veröffentlichten, ahnte niemand in der Band, welche Wucht dieser Release entfalten würde. Der Titeltrack wurde zu einem internationalen Nummer-eins-Hit und katapultierte die Schweden aus der europäischen Rockszene direkt in die globale Popwelt. Zeilen wie „Prayin' that maybe someday / He could be number one“ aus dem Song 'On The Loose' wirken im Rückblick fast wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Der Weg zum Welterfolg

Joey Tempest erinnert sich an die Anfänge dieser Erfolgsgeschichte: „Als wir 1984 bei CBS/Epic unterschrieben, hatten sie damals Boston und Michael Jackson unter Vertrag. Das beflügelte unser Selbstvertrauen, genauso wie die ersten fürs Album geschriebenen Songs viel Potenzial offenbarten.“ Dass ausgerechnet eine schwedische Rockband mit Wurzeln im Umfeld von UFO, Thin Lizzy und Rainbow den Sprung in die Popcharts schaffen würde, hätte laut Tempest zu diesem Zeitpunkt niemand vorhersagen können.

Ein entscheidender Faktor für den Sound des Albums war die zunehmende Rolle der Keyboards. „Ich begann jedenfalls damals, mehr mit dem Keyboard zu experimentieren. Es war einfach ein hilfreiches Werkzeug für mich“, so Tempest über diese klangliche Weichenstellung. Einen besonderen Moment beschreibt er aus dem Studio in San Francisco, als er gemeinsam mit Keyboarder Mic Michaeli den finalen Vocal-Mix mehrerer Songs hörte: „‘Final Countdown’ war eines davon, und es bescherte uns eine Gänsehaut. Das war der Moment, an dem wir dachten, die Leute könnten es genauso mögen wie wir.“

Unterstützt wurde diese kreative Phase von den beiden damals neu zur Band gestoßenen Musikern Schlagzeuger Ian Haugland und Keyboarder Mic Michaeli, die gemeinsam mit Tempest, Norum und Bassist John Levén die klassische FINAL-COUNTDOWN-Besetzung bildeten.

Der Bruch mit John Norum

So triumphal der äußere Erfolg auch verlief, im Inneren der Band begannen sich zur gleichen Zeit tiefe Risse aufzutun. Die Differenzen zwischen Band, Management und Gitarrist John Norum wurden im Laufe des Jahres 1986 so gravierend, dass Norum die Band schließlich Ende Oktober 1986 verließ – mitten im Höhenflug ihrer Karriere. „Wir waren eine der größten Bands der Welt und lebten den Traum, und dann auf einmal das“, blickt Joey Tempest auf diese Zeit zurück.

Der Sänger beschreibt die Hintergründe des Zerwürfnisses detailliert: „John war damals unzufrieden mit vielen Dingen. Er fand unter anderem den Album-Mix zu Keyboard-lastig und hätte sich mehr Gitarren gewünscht. Das größte Problem bestand aber darin, dass wir nicht mehr miteinander redeten. Wir fuhren in unterschiedlichen Limousinen und hielten nur noch über den Tourmanager Kontakt.“ Diese Schilderung macht deutlich, wie sehr die zwischenmenschliche Kommunikation innerhalb der Band zu diesem Zeitpunkt zusammengebrochen war – ein Zustand, der letztlich zur Trennung führte.

Nach Norums Ausstieg nahm die Band mit Ersatzgitarrist Kee Marcello zwei weitere Alben auf. Erst zwanzig Jahre nach THE FINAL COUNTDOWN, mit dem Comeback-Album SECRET SOCIETY, fanden Tempest, Norum, Levén, Haugland und Michaeli wieder in der klassischen Besetzung zusammen und setzten damit ihre gemeinsame Geschichte fort.

Produktion und Klang des Albums

In dem Interview spekuliert Tempest auch über alternative Produktionswege, die THE FINAL COUNTDOWN hätte nehmen können. Sowohl Scorpions-Produzent Dieter Dierks als auch Bruce Fairbairn, der später mit Bon Jovi arbeitete, waren seinerzeit als mögliche Produzenten im Gespräch. „Vielleicht hätte John bei Dieter mehr Gitarren bekommen“, kommentiert Tempest scherzhaft, betont aber, dass diese Überlegung reine Spekulation bleibt.

Letztlich fiel die Wahl auf Produzent Kevin Elson, der auf Vorschlag der Plattenfirma engagiert wurde. Ausschlaggebend war laut Tempest die gemeinsame Vorliebe von ihm und Norum für die Band Journey: „John und ich liebten beide Neal Schon und Steve Perry von Journey, und da Kevin an ein paar ihrer Alben gearbeitet hatte, fanden auch wir diese Entscheidung gut.“ Tempest hebt zudem hervor, dass Elsons analoge Arbeitsweise dem Album einen warmen Klang verlieh, der sich wohltuend von vielen überproduzierten, digital dünn klingenden Platten der Achtzigerjahre abhob.

Auch gesanglich ließ sich Tempest von Steve Perry inspirieren, der wiederum stilistisch an Sam Cooke angelehnt war. „Wir haben uns beim Gesang etwas von Steve Perry abgeguckt. Perry wollte immer wie Sam Cooke klingen. Dafür musste man an den Dolby-Einstellungen drehen, um den Atem-Sound auf meiner Stimme etwas zu verstärken“, erklärt der Sänger diese produktionstechnische Feinheit.

Jubiläumstour und neue Musik

Rückblickend würde Tempest an THE FINAL COUNTDOWN nichts verändern. Passend zum Jubiläum plant die Band, das Album Ende des Jahres in voller Länge auf der Bühne zu präsentieren. Ob auch das aktuelle Album COME THIS MADNESS eines Tages komplett live gespielt werden könnte, steht dagegen noch nicht fest. „Unser Showbooker schlug vor ein paar Stunden witzigerweise genau das vor“, berichtet Tempest, der selbst bereits mit diesem Gedanken gespielt hat. „Ich wäre dafür zu haben, aber letztendlich liegt die Entscheidung bei uns allen.“ Diese Aussage verdeutlicht einmal mehr das demokratische Selbstverständnis, das die Band heute prägt – ein Kontrast zu den Kommunikationsproblemen, die einst zum Bruch mit Norum führten.

Weitere Details zu den Hintergründen von COME THIS MADNESS, den Verbindungen des Albums zur Vergangenheit der Band sowie zur Entwicklung von Tempests Songwriting sind im vollständigen Interview in der METAL HAMMER-Oktoberausgabe 2026 nachzulesen. Passend zur aktuellen Berichterstattung veröffentlichte Europe zudem kürzlich den Song 'Scandinavian Eyes' als Video.

Die Rückschau von Joey Tempest zeigt eindrücklich, wie eng Erfolg und Krise in der Geschichte von Europe miteinander verwoben sind. Der kommerzielle Durchbruch mit THE FINAL COUNTDOWN brachte der Band internationalen Ruhm, sorgte aber gleichzeitig für Spannungen, die zum vorübergehenden Ausstieg eines Gründungsmitglieds führten. Dass die Band vier Jahrzehnte später nicht nur wieder in Originalbesetzung agiert, sondern das Jubiläumsalbum auch komplett live aufführen will, unterstreicht die bemerkenswerte Beständigkeit und Wandlungsfähigkeit von Europe.

Quelle: Metal Hammer DE· Originalartikel ↗

Zuletzt aktualisiert: 30.9.2026, 14:16:02

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