PUNK

Henry Rollins öffnet sein Punk-Archiv für die Öffentlichkeit

04. Oktober 2026·Von Radio SchwarzeSeele Redaktion
Henry Rollins to Open His Vast Punk Rock Archive to the Public
Bild: Chuck Armstrong

Henry Rollins, die unermüdliche Stimme der amerikanischen Punk- und Hardcore-Szene, öffnet erstmals einen Teil seines über Jahrzehnte gewachsenen privaten Archivs für die Öffentlichkeit. Unter dem Titel „Henry Rollins: Cool Evidence — Captured Moments From the Last Century" präsentiert er am 6. und 7. November in der Radar615 Gallery in Nashville historische Fotografien, Tourposter und Dokumente aus der Punk- und Rockgeschichte der 1970er und 1980er Jahre. Die Ausstellung ist an beiden Tagen jeweils von 14 bis 21 Uhr in der Hagan Street 516 zu sehen.

Die Schau markiert einen weiteren Höhepunkt in einem ohnehin außergewöhnlich aktiven Jahr für Rollins. Der ehemalige Black-Flag-Sänger, Autor, Schauspieler und Archivar hat in den vergangenen Monaten gleich mehrere große Projekte vorangetrieben, die allesamt um ein zentrales Thema kreisen: die Bewahrung und Würdigung musikalischer und kultureller Geschichte.

Ein Jahr voller Archivarbeit

So bereitet Rollins derzeit die Veröffentlichung seiner neuen Memoiren mit dem Titel „Bait Dog Boy" vor, die am 2. März 2027 erscheinen sollen. Parallel dazu war er maßgeblich daran beteiligt, eine lange verschollene Demoaufnahme der britischen Punkband U.K. Subs ausfindig zu machen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – das Ergebnis erschien unter dem Titel „Demo Kicks". Besonders bemerkenswert ist zudem seine Rolle bei der Wiederbelebung des Labels Vengeance Records, in deren Rahmen er maßgeblich zur Entstehung von „Gravest Gravy", einer Veröffentlichung rund um die Cramps, beitrug.

Auch auf der Vortragsbühne blieb Rollins gefragt. Gemeinsam mit James Spooner, Autor des Buches „It Starts With Anger: A Punk Beginning. An AFROPUNK Ending.", trat er im Skirball Cultural Center in Los Angeles auf. Im Center For Recorded Music in Kansas City führte er zudem ein ausführliches Gespräch mit Loudwire-Nights-Moderator Chuck Armstrong über die Hintergründe von „Gravest Gravy" und seine persönliche Beziehung zur Musikgeschichte der Cramps.

Vanderbilt University und die „Dangerous Ideas"

Vor wenigen Wochen sprach Rollins zudem vor einer Studierendengruppe der Vanderbilt University in Nashville im Rahmen eines Kurses mit dem Titel „Dangerous Ideas". In seinem kürzlich gestarteten Substack-Newsletter blickte er auf diese Begegnung zurück: „Es war eine großartige Zeit. Hoffentlich haben die Studierenden etwas davon mitgenommen. Die Kommentare, die sie gemacht haben, waren so durchdacht. Das Ganze war wirklich inspirierend."

Etwa zur gleichen Zeit half Rollins bei der Kuratierung und Bewerbung einer Ausstellung in der Nashviller Radar615 Gallery, die den Flyern und Postern der Musikerin und Künstlerin Alicja Trout gewidmet war. Diese Zusammenarbeit legte offenbar den Grundstein dafür, dass Rollins in diesem Herbst nun eigene Stücke aus seiner umfangreichen Sammlung in denselben Räumen zeigen wird.

Was „Cool Evidence" zeigt

In einer von ihm selbst als „Low-Tech-Versuch einer Pressemitteilung" bezeichneten Ankündigung erläutert Rollins ausführlich die Idee hinter der Ausstellung. Er beschreibt darin seine langjährige Faszination für physische historische Zeugnisse – Objekte, die Jahre nach ihrer Entstehung noch existieren und so zu unwiderlegbaren Beweisen für Zeit und Ort werden, während Erinnerungen verblassen und mündliche Überlieferungen oft verzerrt werden.

Besonders eindrücklich ist Rollins' bildhafte Beschreibung der Zeit als eine Art Gegner: Er habe die Zeit „anthropomorphisiert", schreibt er, und sieht in ihr eine Kraft, die die Vergangenheit auslöschen und die Zukunft rein spekulativ machen will, um die Gegenwart zu dominieren. Kohlenstoffbasierte Artefakte würden deshalb zu Staub zerfallen, sofern sich nicht geduldige Hüter der Vergangenheit fänden, die den Verfall verlangsamen und Fakten bewahren. Er betont jedoch, die Zeit nicht als Feindin zu betrachten – eher hoffe er, für sie eine „beständige und hartnäckige Störung" zu sein.

Inhaltlich verortet Rollins die Ausstellung in der Überzeugung, dass Menschen trotz aller Schattenseiten zu außergewöhnlichen Dingen fähig seien. Jedes Objekt in „Cool Evidence" markiere einen bestimmten Zeitpunkt und Ort – sei es ein Ereignis oder der Bruchteil einer Sekunde, den eine Kamera festhält – und zwinge der Zeit damit gewissermaßen ein Zeugnis menschlicher Außergewöhnlichkeit ab. Es gebe, so Rollins, stets eine Alternative zum Elend, und die Ausstellung sei der Beweis dafür.

Konkret werden in der Schau Objekte aus der Washingtoner Musikszene der 1970er und 1980er Jahre zu sehen sein, ergänzt um Tourposter und Fotografien von Black Flag, den Damned sowie den Cramps – letztere Stücke stammen aus der persönlichen Sammlung von Lux Interior und Ivy Rorschach. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung Material zu Iggy Pop und den Stooges.

Dank an Radar615 und Lain York

Rollins bedankt sich in seiner Ankündigung ausdrücklich bei Lain York von Radar615 für dessen „unerschütterlichen Enthusiasmus", das Projekt überhaupt möglich gemacht zu haben. Als er die Idee vor einigen Monaten vorgeschlagen habe, habe York nicht gezögert, erklärt Rollins.

Rollins über seine Mission als Archivar

Schon in einem früheren Interview mit Chuck Armstrong, geführt anlässlich der Ankündigung von „Gravest Gravy", hatte Rollins seine persönliche Haltung zur Bewahrung von Geschichte ausführlich beschrieben. Auch dort griff er auf das Bild der personifizierten Vergangenheit zurück: „Meiner Meinung nach habe ich die Vergangenheit anthropomorphisiert", sagte er. „Sie ist flüchtig. Sie will entkommen. Sie ist kohlenstoffbasiert. Sie will sich auflösen. Sie will sagen: ‚Nein!' Und sie will in den Äther tanzen und verschwinden. Deshalb wird ein Flyer irgendwann zu Staub zerfallen. Man kann das verlangsamen, aber es ist unausweichlich. Deshalb gibt es säurefreie Umgebungen, deshalb gibt es Klimaanlagen und so weiter – und ich habe massiv in all das investiert. Ich habe meine eigene Geschichte bewahrt, die mich selbst nur wenig interessiert, aber es ist meine Pflicht. Die Geschichte aller anderen interessiert mich weit mehr. Das mache ich seit 1979."

Einordnung

Mit „Cool Evidence" setzt Henry Rollins seine jahrzehntelange Arbeit als selbsternannter Archivar der Punk- und Rockgeschichte konsequent fort. Nachdem er zuletzt mit der Wiederentdeckung der U.K.-Subs-Demos und seiner Beteiligung an der Vengeance-Records-Wiederbelebung bereits wichtige Beiträge zur Musikgeschichtsschreibung geleistet hat, bietet die Ausstellung in Nashville nun erstmals einem breiteren Publikum die Möglichkeit, Teile seiner privaten Sammlung aus nächster Nähe zu betrachten. Für Fans von Black Flag, den Cramps, Iggy Pop und der frühen DC-Hardcore-Szene dürfte der Besuch der Radar615 Gallery an diesem Novemberwochenende damit zu einer seltenen Gelegenheit werden, ein Stück lebendiger Punk-Geschichte unmittelbar zu erleben.

Quelle: Loudwire· Originalartikel ↗

Zuletzt aktualisiert: 7.10.2026, 14:36:48

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