METAL
Mad Dog Tannen: Wenn Westernstaub auf Moshpit trifft

Mit ihrer neuen EP „Grande Pistolero“ präsentiert die deutsche Band Mad Dog Tannen aus Herzebrock-Clarholz ein musikalisches Konzept, das auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, sich beim genaueren Hinhören aber als stimmiges Gesamtpaket entpuppt: Oldschool Hardcore, Metal, Rock ’n’ Roll und die Ästhetik klassischer Italo-Western verschmelzen zu dem, was die Band selbst als „Mosh’n’Roll“ bezeichnet. Die EP erschien am 21. August 2026 und ist die erste reguläre Veröffentlichung des Trios in seiner aktuellen Besetzung.
Mad Dog Tannen wurden 2017 von ehemaligen Mitgliedern der Band Bloodening gegründet. Nach einem Besetzungswechsel im Jahr 2023 besteht die Band heute aus Jesko Otten an Gitarre und Gesang, Daniel Mertens am Schlagzeug sowie Johann Harder an Bass und Gesang. In dieser Konstellation hat das Trio nun mit „Grande Pistolero“ eine Veröffentlichung vorgelegt, die zeigt, wie konsequent das selbst gewählte Genre-Etikett musikalisch umgesetzt wird.
Western-Ästhetik als durchgängiges Konzept
Das Western-Thema bei Mad Dog Tannen ist keine nachträglich aufgesetzte Dekoration, sondern zieht sich konsequent durch Bandnamen, Artwork, Songtitel und musikalische Gestaltung. Der Bandname selbst verweist auf Buford „Mad Dog“ Tannen, den Antagonisten aus „Back to the Future Part III“. Als weitere Einflüsse nennt die Band explizit Sergio Leone und Ennio Morricone sowie klassische Italo-Western im Allgemeinen. Entscheidend ist dabei, dass das Konzept auch dann trägt, wenn man sämtliche Filmreferenzen ausblendet – denn musikalisch steht ein handfestes Fundament dahinter, das unabhängig von der thematischen Klammer funktioniert.
Die Songs arbeiten mit direkten Gitarrenriffs, druckvoller Rhythmusarbeit und Gangshouts, kombiniert mit jener Mischung aus Hardcore-Attitüde und Rock-’n’-Roll-Bewegung, die kaum zum Stillstehen einlädt. Im Zentrum steht dabei weniger technische Selbstdarstellung als vielmehr unmittelbare Wirkung: nachvollziehbare Arrangements, direkte Riffs und Übergänge, die gezielt Spannung aufbauen und anschließend wieder auflösen. Hardcore, Metal und Rock ’n’ Roll wechseln sich dabei nicht einfach ab, sondern greifen ineinander – genau darin liegt eine der Stärken der Band.
Die Songs der EP im Einzelnen
Den Auftakt macht „Eggsuckin Gutter Trash“, ein Song, der mit großer Direktheit eröffnet und zugleich den Ton für weite Teile der EP vorgibt. Der Titel ist gleichzeitig eine von mehreren Referenzen an „Back to the Future Part III“. Wer diese Anspielung erkennt, erhält eine zusätzliche inhaltliche Ebene, wer sie nicht erkennt, kann den Song dennoch uneingeschränkt für sich funktionieren lassen – ein Punkt, der bei Konzeptbands keineswegs selbstverständlich ist.
Mit „The Reason“ verschiebt sich der Fokus deutlich. Hinter der Westernkulisse und der bewusst überzeichneten Outlaw-Ästhetik verbirgt sich hier nicht nur Unterhaltung, sondern ein Song, der ernstere und gesellschaftskritische Töne anschlägt. „One of Us“ wiederum zeigt eine andere Facette der Band: Zweistimmiger Clean-Gesang schafft zunächst Raum und Kontrast, bevor der Song in deutlich härtere Passagen zurückkehrt. Solche Momente verhindern, dass „Grande Pistolero“ zu einer bloßen Aneinanderreihung ähnlich klingender Hardcore-Nummern wird.
Besonders unmittelbar treffen Western-Duell und Crossover-Sound schließlich bei „I Hit The First Shot“ aufeinander. Hier funktioniert die Grundidee des Mosh’n’Roll wohl am offensichtlichsten: Atmosphäre und musikalischer Druck stehen nicht nebeneinander, sondern bedienen dasselbe Bild – den staubigen Showdown, nur eben mit Circle Pit statt Duell auf der staubigen Straße.
Klangbild und Produktion
Auch klanglich ist die EP konsequent auf das Gesamtkonzept abgestimmt. Statt jede Kante wegzupolieren, behalten Gitarre, Bass und Schlagzeug genügend Direktheit, damit das Material nach Band klingt und nicht nach einer am Rechner glattgebügelten Konstruktion. Für die Mischung aus Hardcore und Rock ’n’ Roll ist diese Rauheit wichtig – ein klinisch sauberer Hochglanzsound würde der Musik eher schaden als nützen. Gleichzeitig bleibt das Klangbild differenziert genug, damit die einzelnen Elemente nicht in einer einzigen Wand verschwinden.
Mehr als nur ein originelles Konzept
Die naheliegende Frage bei einem derart plakativen Konzept lautet, ob dahinter tatsächlich mehr steckt als eine originelle Idee. Bei Mad Dog Tannen lässt sich diese Frage differenziert beantworten: Das Western-Thema liefert Wiedererkennung und Bilder, es verbindet Songtitel, Artwork und Musik zu einem stimmigen Gesamtpaket – tragen muss die Musik am Ende aber die Band selbst. Und genau das gelingt dem Trio. Unter Cowboyhut, Revolverromantik und Filmreferenzen steckt eine Band, die genau weiß, welche musikalischen Zutaten sie miteinander verbinden möchte. Nicht jede dieser Zutaten ist für sich genommen neu, doch die Kombination besitzt genügend eigene Handschrift, um nicht wie eine beliebige weitere Hardcore-Metal-Crossover-Band zu wirken.
„Grande Pistolero“ ist damit vor allem eine kompakte Vorstellung dessen, was Mad Dog Tannen unter Mosh’n’Roll verstehen: direkt, riffbetont, gelegentlich melodisch, bewusst dreckig produziert und mit beiden Stiefeln irgendwo zwischen Saloon und Moshpit verortet. Wer mit Gangshouts, geradlinigen Songstrukturen und einer ausgeprägten Westernästhetik wenig anfangen kann, wird durch die EP vermutlich nicht bekehrt – die Band versucht jedoch auch gar nicht, möglichst universell zu gefallen, und genau diese Konsequenz macht einen Teil ihres Reizes aus.
Ob aus „Mosh’n’Roll“ irgendwann tatsächlich eine eigenständige Genrebezeichnung innerhalb der Metal- und Hardcore-Szene wird, bleibt offen. Für Mad Dog Tannen selbst reicht der Begriff schon jetzt, um einen klaren Wiedererkennungswert zu schaffen – und „Grande Pistolero“ liefert mit seinen vier ausgearbeiteten Songs den musikalischen Beleg dafür, dass hinter dem griffigen Etikett tatsächlich eine Band mit eigenständiger Handschrift steckt.
Quelle: Metalfans4Metalbands· Originalartikel ↗
Zuletzt aktualisiert: 11.10.2026, 18:14:50

