METAL
Metallica-Produzent Steve Thompson packt aus: Darum verschwand der Bass auf …AJFA

Fast vier Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Metallicas viertem Studioalbum …AND JUSTICE FOR ALL sorgt der berüchtigte Sound-Mix des Werks erneut für Gesprächsstoff. Steve Thompson, der damals gemeinsam mit seinem Partner Michael Barbiero für den Mix verantwortlich zeichnete, hat sich in einem aktuellen Interview ausführlich zu der legendären Entscheidung geäußert, den Bass von Jason Newsted im fertigen Mix fast vollständig verschwinden zu lassen. Die Aussagen fielen im Rahmen des „Appetite for Distortion“-Podcasts, zu dem Thompson eigentlich eingeladen worden war, um über seine Arbeit an Guns N' Roses' Debütalbum APPETITE FOR DESTRUCTION aus dem Jahr 1987 zu sprechen.
Im Verlauf des Gesprächs kam jedoch unweigerlich auch seine Beteiligung an …AND JUSTICE FOR ALL zur Sprache, jenem 1988 veröffentlichten Metallica-Album, das bis heute für seinen eigenwilligen Klang bekannt ist. Thompson erinnerte sich an die Zusammenarbeit mit der Band mit großer Wertschätzung, machte aber auch deutlich, dass es grundlegende Meinungsverschiedenheiten über die klangliche Ausrichtung des Albums gab. „Als ich mit Metallica zusammengearbeitet habe, befand ich sie für die besten auf ihrem Gebiet“, so Thompson. „Ich habe sie geliebt, absolut geliebt. Wir hatten allerdings unterschiedliche Philosophien. Ich glaubte an Bass, und sie nicht.“
Der Streit um den fehlenden Bass
Nach Fertigstellung des Albums sah sich Thompson nach eigener Aussage heftiger Kritik ausgesetzt, weil der Bass im fertigen Mix kaum wahrnehmbar war. „Als wir …AND JUSTICE FOR ALL fertiggestellt hatten, wurde ich dafür fertig gemacht, dass es kaum Bass im Mix gibt“, erklärte er im Podcast. Dabei habe er selbst ursprünglich einen deutlich präsenteren Bass im Mix bevorzugt, sei mit diesem Wunsch jedoch an Grenzen gestoßen. „Das ist, was sie wollten. Ich habe versucht, darum zu kämpfen, aber am Ende des Tages ist es ihr Album. Wenn es das ist, was sie wollen, dann muss man es ihnen geben“, resümierte Thompson die damalige Situation.
Besonders bemerkenswert ist seine Einschätzung zur musikalischen Qualität von Newsteds Spiel. Thompson betonte, dass er die Entscheidung, den Bass zurückzunehmen, im Nachhinein für falsch hielt, da die Basslinien seiner Meinung nach hervorragend mit James Hetfields Rhythmusgitarre harmonierten. „Ich fand es dumm, weil ich fand, dass Jasons Bass-Parts sehr gut mit Hetfields Rhythmusgitarre zusammenpassten. Perfekt. Aber es ist, wie es ist“, so der Produzent resigniert.
Produzent Flemming Rasmussen bestätigt die Beobachtung
Thompsons Darstellung deckt sich mit Erinnerungen von Flemming Rasmussen, der als Produzent bereits bei früheren Metallica-Alben mitgewirkt hatte und aus terminlichen Gründen erst später zum …JUSTICE FOR ALL-Projekt hinzustieß. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Band bereits mit Steve Thompson zusammengetan. In einem Interview mit dem chilenischen Radiosender Futuro 2025 schilderte Rasmussen, wie ihm der fehlende Bass im Mix sofort auffiel. „Ich habe zu ihm gesagt: 'Du hast den Bass vergessen. Da ist kein Bass'“, erinnerte sich der Produzent an seine erste Reaktion auf die fertigen Aufnahmen.
Rasmussens Schilderung liefert zudem einen aufschlussreichen Einblick in die Entscheidungsprozesse innerhalb der Band während der finalen Abmischung. Demnach seien es vor allem Schlagzeuger Lars Ulrich und Frontmann James Hetfield gewesen, die sich aktiv für die Reduzierung des Basses eingesetzt hätten. Rasmussen beschrieb die Situation so: „Es war so, dass Metallica eingeflogen sind, um sich die fertigen Mixe anzuhören, und alle Dinge sagten wie: 'Nein, nein, nein! Wo ist mein Schlagzeug? Wo ist mein Gitarren-Sound?' Und Lars hat tatsächlich gesagt: 'Dreh den Bass runter, sodass man alles andere hören kann.'“ Bis heute sei ihm die eigentliche Motivation hinter dieser Entscheidung ein Rätsel geblieben, wie er einräumte: „Ich habe sie tausend Mal gefragt, wieso sie sich so entschieden haben, aber ich weiß es nicht.“
Ein Album im Schatten von Cliff Burtons Tod
Die Umstände rund um …AND JUSTICE FOR ALL sind untrennbar mit einem der dunkelsten Kapitel der Bandgeschichte verbunden. Das 1988 veröffentlichte Album war das erste Studiowerk, auf dem Jason Newsted als Bassist von Metallica zu hören war. Zugleich handelte es sich um die ersten Studioaufnahmen der Band ohne ihren langjährigen Bassisten Cliff Burton, der 1986 bei einem tragischen Unfall mit dem Tourbus der Band ums Leben gekommen war. Newsted trat damit in denkbar schwierige Fußstapfen und musste sich innerhalb der Band erst seinen Platz erarbeiten – ein Umstand, der von vielen Fans und Beobachtern im Nachhinein auch als möglicher Erklärungsansatz für die ungewöhnliche Abmischung herangezogen wurde, auch wenn weder Thompson noch Rasmussen diesen Zusammenhang in ihren aktuellen Aussagen explizit herstellen.
Ein Mix, der bis heute Diskussionen auslöst
Der eigentümliche Sound von …AND JUSTICE FOR ALL hat sich über die Jahrzehnte zu einem der meistdiskutierten Themen innerhalb der Metal-Community entwickelt. Während das Album selbst mit Songs wie dem Titeltrack oder „One“ zu den prägendsten Werken des Thrash Metal zählt, bleibt der nahezu unhörbare Bass ein wiederkehrender Kritikpunkt unter Fans und Fachleuten gleichermaßen. Die nun öffentlich gewordenen Aussagen von Thompson und Rasmussen liefern erstmals detaillierte Einblicke aus erster Hand, wie es tatsächlich zu dieser folgenreichen klanglichen Entscheidung kam – und bestätigen, dass sie offenbar maßgeblich auf den Wunsch von Lars Ulrich und James Hetfield zurückzuführen war, Schlagzeug und Gitarren klanglich in den Vordergrund zu rücken.
Für Fans und Musikhistoriker schließen diese Aussagen eine der letzten großen Wissenslücken rund um die Entstehung von …AND JUSTICE FOR ALL. Die Einblicke von Thompson und Rasmussen zeigen, dass die kontroverse Abmischung kein Zufall oder technisches Versehen war, sondern eine bewusste kreative Entscheidung der Band, die selbst die beteiligten Produzenten nicht vollständig nachvollziehen konnten. Damit bleibt der fehlende Bass auf einem der einflussreichsten Metal-Alben aller Zeiten auch weiterhin ein Symbol für die eigenwilligen, manchmal widersprüchlichen künstlerischen Entscheidungen, die Metallica zu dieser Zeit prägten.
Quelle: Metal Hammer DE· Originalartikel ↗
Zuletzt aktualisiert: 9.10.2026, 08:07:43

