METAL
Randy Blythe über cleane Vocals bei LAMB OF GOD: "Nur wenn es wirklich passt"

Randy Blythe, Frontmann der US-Metal-Institution LAMB OF GOD, hat sich in einem neuen Interview mit Jai Setright vom australischen Portal Metal On Tap ausführlich zu seinem Umgang mit cleanen Gesangsparts, seiner künstlerischen Philosophie und dem neuen Album "Into Oblivion" geäußert. Das Gespräch, das BLABBERMOUTH.NET transkribiert hat, gibt tiefe Einblicke in die Denkweise des Sängers, der seit mehr als drei Jahrzehnten einer der physisch dynamischsten Performer im Metal-Genre ist.
In dem Interview erklärte Blythe zunächst, wie er es schafft, auch nach so langer Zeit auf der Bühne noch immer mit voller Energie zu performen. Seine Antwort war bemerkenswert bodenständig: "Ich bin nur in ein oder zwei Dingen wirklich gut, also mache ich lieber das, worin ich gut bin." Er beschrieb sich selbst als passablen Fotografen und Schreiber, betonte aber, dass seine wahre Stärke darin liege, Mitglied von LAMB OF GOD zu sein. "Ich bin wirklich gut darin, in LAMB OF GOD zu sein", sagte er, fügte jedoch hinzu, dass er sich selbst nicht als herausragenden Musiker im klassischen Sinne betrachte.
Die Kunst, niemals zufrieden zu sein
Besonders aufschlussreich wurde das Gespräch, als Setright Blythes Bescheidenheit lobte und anmerkte, dass das Eingeständnis, "nur pretty good" zu sein, bedeute, dass man sich immer noch verbessern könne. Blythe stimmte dem vollumfänglich zu und ging sogar noch weiter: "In dem Moment, in dem du denkst, du bist der Beste der Welt, bist du scheiße. Das ist der Moment, in dem dein Talent dich verlässt. Wenn du von deinem eigenen Genie überzeugt bist und glaubst, du kannst nichts falsch machen, dann strebst du nicht mehr nach etwas."
Der Sänger erläuterte weiter, dass der kreative Prozess für ihn immer ein Ringen mit sich selbst sei, unabhängig vom Medium. "Du versuchst, dich selbst und deinen Platz in der Welt zu verstehen. Und in diesem Moment versuchst du auch, über dein eigenes Talentniveau hinauszuwachsen", so Blythe. Er betonte, dass er bei jedem neuen Album versuche, etwas zu schaffen, von dem er vorher nicht geglaubt hätte, dass er es könne – nicht um das Rad neu zu erfinden, sondern um sich selbst herauszufordern. Dieses Prinzip gelte auch für seine schriftstellerische Arbeit: Er versuche stets, über seinem eigenen Talentniveau zu schreiben, anstatt sich in einer Komfortzone auszuruhen, da man dort faul werde.
Clean Vocals: Nur wenn es wirklich passt
Ein zentrales Thema des Interviews war Blythes Einsatz von cleanem, melodischem Gesang – ein Stilmittel, das er erstmals 2015 beim Track "Overlord" vom Album "VII: Sturm Und Drang" einsetzte und 2016 bei "The Duke" weiterführte. Auf die Frage, ob er in Zukunft mehr cleane Vocals einsetzen werde, antwortete Blythe differenziert: "Bei LAMB OF GOD würde ich gerne mehr cleane Vocals machen, aber ich setze sie wirklich nur dort ein, wo sie passen."
Als konkretes Beispiel nannte er den Song "El Vacío" vom neuen Album "Into Oblivion", für den er die anfängliche Konzeption geliefert und Gitarrist Mark Morton gebeten hatte, auf dieser Basis etwas zu komponieren. Morton folgte dabei nicht exakt Blythes Ideen – was der Sänger als normalen Teil der Bandarbeit beschrieb –, kam aber mit etwas zurück, das Blythe als "pretty cool" bezeichnete. Entscheidend sei gewesen, dass das Ergebnis organisch nach cleanem Gesang verlangte, ohne dass dies von vornherein geplant gewesen sei. "Er kam einfach mit etwas zurück, bei dem ich dachte: Oh, das passt", erklärte Blythe. "Wenn es passt, mache ich es. Wenn nicht, dann nicht."
Blythe stellte jedoch klar, dass LAMB OF GOD keine Band sei, in der er sich als "Crooner" oder als eine Art Frank Sinatra präsentieren wolle. Dennoch sei es gelegentlich in Ordnung, das klangliche Spektrum der Band zu erweitern.
Gleichgültigkeit gegenüber Fan-Kritik
Auf die Reaktionen einiger Fans, die cleanem Gesang in der Musik von LAMB OF GOD grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, reagierte Blythe mit unverhohlener Gelassenheit. "Wisst ihr was? Es ist mir scheißegal", sagte er unverblümt. Als Setright anmerkte, dass solche Kritik sich typischerweise in Kommentaren unter YouTube-Videos äußere mit Aussagen wie "Das ist nicht mein LAMB OF GOD", konterte Blythe trocken: "Und wisst ihr, was das bedeutet? Nichts. Gar nichts."
Der Sänger reflektierte darüber, wie sich die heutige Internet-Kultur von der Zeit unterscheidet, als die Band ihre Karriere begann. "Das Verrückte an der heutigen Ära ist, dass jüngere Bands, die aufwachsen, auf all diese Kommentare und Meinungen schauen. Das Internet ist eine riesige Sache. Das hatten wir nicht", erinnerte sich Blythe. Früher habe man stattdessen jemanden gehabt, der "Du bist scheiße" schrie und eine Bierflasche auf die Bühne warf, wenn ihm die Musik nicht gefiel – statt Millionen Menschen, die nur "meh, meh, meh" sagten. Diese Art von Mentalität beeinflusse die Band nicht, und sie sollte auch niemanden beeinflussen.
Auf die Frage, wie er es schaffe, von Online-Kritik unberührt zu bleiben, erklärte Blythe seine simple, aber effektive Strategie: Er lese schlicht keine Kommentare. "Wenn ich es nicht lese, dann existiert es nicht in meiner Realität", sagte er und zog einen Vergleich zum alten Zen-Rätsel vom Baum, der im Wald umfällt, ohne dass jemand es hört. "Wenn jemand einen neuen Song hasst und etwas dazu sagt, ich es aber nicht lese, dann existiert es für mich nicht."
"Into Oblivion": Kritikerlob und besondere Produktionsgeschichte
Das neue Album "Into Oblivion" erschien im März 2026 und wurde von der Kritik mit großer Begeisterung aufgenommen. Im Vorfeld der Veröffentlichung zierte LAMB OF GOD die Cover von Metal Hammer und Kerrang!, wobei Kritiker besonders die Intensität und gesellschaftliche Relevanz des Albums hervorhoben. The Associated Press nahm das Album in seine wöchentlichen Highlights auf und beschrieb es als "zehn Tracks voller Furor". Brooklyn Vegan merkte an, dass die Band mit diesen zehn Songs der Welt erneut vor Augen führe, dass ihre Herrschaft als Giganten der New Wave Of American Heavy Metal noch lange nicht vorbei sei. SPIN wiederum beschrieb, dass die Band "Amerikas Zerfall in ein furioses neues Album kanalisiere".
Das Album ist in mehreren Formaten erhältlich, darunter diverse Vinyl-Varianten sowie eine limitierte "Into Oblivion"-CD-Edition mit einem Begleit-Zine. Dieses Sammlerstück enthält Skizzen zur Albumkunst, handgeschriebene Lyrics sowie bislang unveröffentlichte Studiofotos.
Produziert und abgemischt wurde das Album erneut von Josh Wilbur, dem langjährigen Studiopartner der Band. Die Aufnahmen fanden an mehreren Orten statt, die eng mit der Identität der Band verknüpft sind: Die Drums wurden in Richmond, Virginia, eingespielt – der Heimatstadt von LAMB OF GOD –, während Gitarren und Bass in Mark Mortons Heimstudio aufgenommen wurden. Blythe selbst nahm seine Gesangsparts im legendären Total Access Studio in Redondo Beach, Kalifornien, auf – jenem Studio, das als Geburtsstätte wegweisender Punk-Alben von BLACK FLAG, HÜSKER DÜ und DESCENDENTS gilt.
Einordnung
Das Interview offenbart einen Randy Blythe, der sich nach über drei Jahrzehnten im Musikgeschäft weder von Perfektionsansprüchen noch von Fan-Erwartungen unter Druck setzen lässt. Seine Haltung zu cleanem Gesang – pragmatisch, künstlerisch motiviert und frei von Rücksicht auf Online-Kritik – unterstreicht, warum LAMB OF GOD auch mit "Into Oblivion" weiterhin als kreative Kraft innerhalb der modernen Metal-Szene wahrgenommen wird. Die Verbindung der Aufnahmeorte zur Punk- und Metal-Geschichte sowie das durchweg positive Kritikerecho zeigen, dass die Band auch im Jahr 2026 ihren Status als eine der einflussreichsten Gruppen der New Wave Of American Heavy Metal weiter zementiert.
Quelle: Blabbermouth· Originalartikel ↗
Zuletzt aktualisiert: 11.10.2026, 18:14:53

