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Uncle Acid And The Deadbeats: Neues Album „Shapes Of Midnight“ und Rückkehr zur Unabhängigkeit

Mit „Shapes Of Midnight“ veröffentlichen UNCLE ACID AND THE DEADBEATS ihr mittlerweile siebtes Studioalbum – und kehren dabei zu ihrer ureigenen Mischung aus BLACK-SABBATH-inspiriertem Riffing, okkultem Garage-Rock und unheimlichen Synthesizer-Klängen zurück. Gitarrist und Sänger Kevin Starrs entwirft darauf eine düstere Parallelwelt, die stark an Edgar Allan Poes Erzählung „Die Maske des Roten Todes“ erinnert: Eine Seuche befällt die Menschheit, während sich die herrschende Klasse von der übrigen Bevölkerung abschottet. Doch auch die Elite kann dem Tod letztlich nicht entkommen. Kurz bevor die Band ihre Nordamerika-Tournee zur Unterstützung des neuen Albums startete, sprach Starrs im Interview mit Blabbermouth.net über die Entstehung des Werks, den Weg zurück in die Unabhängigkeit und die überraschend unterschiedliche Resonanz auf beiden Seiten des Atlantiks.
Eine dystopische Parallelwelt als roter Faden
Starrs erklärt, dass die Geschichte hinter „Shapes Of Midnight“ nicht bewusst von Poes Klassiker inspiriert wurde – die Ähnlichkeiten seien ihm erst im Nachhinein aufgefallen. Dennoch habe er das Gefühl gehabt, dem literarischen Vorbild Respekt zollen zu müssen. Thematisch knüpft das Album an den Vorgänger „Wasteland“ aus dem Jahr 2018 an, in dem die Menschheit komplett von der Außenwelt abgeschnitten war. Auf „Shapes Of Midnight“ dreht Starrs die Perspektive um: Diesmal ist es die Elite, die sich von der restlichen Gesellschaft isoliert – und trotzdem dem Tod nicht entrinnen kann. „Es spielt keine Rolle, welcher Klasse man angehört, der Tod holt einen am Ende sowieso“, so Starrs. In seinen bisherigen Alben habe meist das Gute über das Böse gesiegt, doch in den letzten beiden Platten gewinne zunehmend das Böse – ein Zustand, den er selbst nicht unbedingt fortsetzen möchte. Vielleicht werde das nächste Album wieder optimistischer ausfallen, sagt er mit einem Lachen.
Rückkehr zur Unabhängigkeit mit Killer Candy Records
Musikalisch und label-technisch markiert „Shapes Of Midnight“ einen Bruch: Nach mehreren Jahren und Veröffentlichungen bei Lee Dorrians renommiertem Label Rise Above Records entschied sich die Band, ihr neues Album wieder in Eigenregie über ihr eigenes Label Killer Candy Records herauszubringen. Genau darauf seien schon die ersten beiden Alben, „VOL 1.“ und „Blood Lust“, erschienen, bevor Starrs an die Grenzen des Machbaren stieß – ihm fehlten damals schlicht das Geld für Vinylpressungen und der Zugang zu Vertriebsstrukturen. Rise Above sei zur richtigen Zeit gekommen, habe die Vinylpressung übernommen und der Band völlige künstlerische Freiheit gelassen. Nach Ablauf des Deals habe es sich für Starrs richtig angefühlt, wieder komplett unabhängig zu arbeiten. Er betont, dass ihm nicht bekannt sei, ob größere Labels Interesse an der Band gehabt hätten, doch er habe genug Horrorgeschichten gehört, in denen Bands ein fertiges Album vorlegen und zu hören bekommen, sie sollten es noch einmal überarbeiten. Für ihn wäre ein Wechsel zu einem größeren Label eher ein Rückschritt gewesen – zu groß sei die Gefahr von Einmischung bei Pressearbeit oder Marketingformaten wie Unboxing-Videos, die schlicht nicht zur Ästhetik der Band passten.
Der unabhängige Weg habe sich allerdings auch als zweischneidiges Schwert erwiesen. So habe es bei der Pressung von „Shapes Of Midnight“ Verzögerungen gegeben, wodurch sich die Veröffentlichung um mehrere Wochen verschob – ausgerechnet kurz vor dem Start der Tournee, was zusätzlichen logistischen Stress bedeutete. Verschärft wurde die Situation durch neue EU-Regelungen, die seit diesem Sommer den Versand in EU-Länder betreffen und zusätzliche Herausforderungen bei Zoll, Steuern und Postdienstleistern mit sich bringen. „Es ist nicht gerade der beste Zeitpunkt, ein Label zu gründen“, so Starrs augenzwinkernd.
Aufnahmen in den ehrwürdigen Abbey Road Studios
Einen besonderen Rahmen erhielt das Album durch die Aufnahmen in den legendären Abbey Road Studios in London, die bereits vor einigen Jahren stattfanden. Starrs beschreibt den Eindruck, die Studios zu betreten, als eigenartig – man kenne die Räume aus unzähligen Fotos und spüre förmlich die Geschichte des Ortes. Nach der anfänglichen Ehrfurcht habe sich die Band jedoch schnell auf die Arbeit konzentriert, schließlich standen nur drei Tage für die Aufnahmen zur Verfügung. Genutzt wurden dabei historische Aufnahmekonsolen aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren sowie Mikrofone aus den 1950er- und 1960er-Jahren aus der umfangreichen Sammlung des Studios. Zusätzlich setzte die Band Raummikrofone ein, um die besondere Akustik der Abbey-Road-Räume möglichst authentisch einzufangen. Starrs zeigt sich im Rückblick sehr zufrieden mit der Entscheidung, dort aufgenommen zu haben.
Klangliche Entwicklung, Synthesizer und neue Bandmitglieder
Musikalisch versteht Starrs „Shapes Of Midnight“ als eine Art Zusammenführung aller bisherigen Alben der Band. Von „Nell’ Ora Blu“, dem 2024 erschienenen, synth-lastigen und unter Fans durchaus kontrovers diskutierten Vorgängeralbum, übernahm er bewusst analoge Synthesizer-Elemente sowie erneut Saxofon-Passagen. Gleichzeitig habe er nach der stilistischen Abweichung von „Nell’ Ora Blu“ bewusst wieder in Richtung eines Hardrock-Albums steuern wollen. Starrs betont, dass es ihm wichtig sei, sich selbst und das Publikum künstlerisch herauszufordern, anstatt bei jedem Album auf Nummer sicher zu gehen. Die Reaktionen auf „Nell’ Ora Blu“ seien teils sehr negativ ausgefallen, viele langjährige Fans zeigten sich enttäuscht von der stilistischen Kehrtwende – dennoch entschied sich die Band, das Album sogar komplett live nachzuspielen, inklusive In-Ear-Monitoring und Click-Track, um die exakten Timing-Anforderungen der Dialogpassagen umzusetzen. Manche Konzertbesucher seien angesichts dieser Liveumsetzung sogar sichtlich überrascht gewesen und hätten die Show vorzeitig verlassen.
Eine zentrale Rolle bei den neuen Synthesizer- und Saxofon-Parts spielt Keyboarderin Rachel Burnett, die gemeinsam mit Gitarrist George Hudson vor einigen Jahren zur Band stieß. Im Song „I Won’t Sleep“ steuerte sie sowohl eine Saxofon-Begleitung zu den Strophen als auch ein finales Saxofon-Solo bei. Bei anderen Songpassagen, für die Starrs zunächst keinen passenden Abschluss fand, schickte Burnett ihm mehrere alternative Saxofon-Parts zu. Einen dieser nicht verwendeten Parts rückwärts abgespielt und zufällig ans Songende gesetzt, habe schließlich perfekt gepasst und Starrs zu einem gänzlich neuen Songausgang inspiriert, mit dem ursprünglich nicht geplant war.
Vokale Weiterentwicklung und der ungewöhnliche Albumabschluss
Starrs, der zu Bandbeginn eigentlich gar nicht als Sänger auftreten wollte und lieber im Hintergrund als reiner Gitarrist agieren wollte, übernahm den Gesang schließlich, weil sich über längere Zeit kein geeigneter Sänger fand. Mittlerweile sieht er sich selbst als stetig wachsenden Vokalisten, der insbesondere auf Tour verstärkt auf seine Stimme achtet, sich vor Auftritten aufwärmt und bestimmte Lebensmittel meidet, um seine Stimme zu schonen. Auf „Shapes Of Midnight“ setzt die Band zudem verstärkt auf mehrstimmige Gesangsharmonien.
Besonders ungewöhnlich fällt der letzte Song des Albums, „Sleep No More“, aus. Ursprünglich wollte Starrs den Track einfach ausblenden, da ihm kein passender Schluss einfiel. Beim weiteren Arbeiten zu Hause fügte er jedoch immer neue Melodien und Ebenen hinzu, bis schließlich eine Spoken-Word-Passage mit verzerrter, „gespenstischer“ Stimme entstand, die laut Starrs wie ein böser Geist klingt. Inspiriert wurde der langsame Groove des Songs von ZZ TOP. Für Starrs bildet „Sleep No More“ einen gelungenen und stimmungsvollen Albumabschluss.
Tourpläne: Nordamerika, Europa, Großbritannien und Ozeanien
Nach Jahren mit intensiver Reisetätigkeit ist die Band inzwischen selektiver bei der Terminplanung geworden, ohne dass dies der Popularität geschadet hätte. Für die kommenden Monate steht zunächst die bereits gestartete Nordamerika-Tournee zu „Shapes Of Midnight“ an. Im Anschluss kehrt die Band nach Europa zurück, um dort ein Festival zu spielen, bevor nach einigen Wochen Pause eine Großbritannien-Tournee folgt. Direkt danach reist die Band weiter nach Australien und Neuseeland – ein aus Sicht von Starrs besonders arbeitsreiches Jahr. Für das kommende Jahr ist erneut eine Europatournee inklusive Festivalauftritten im Sommer geplant. Starrs betont, dass ihm das Konzept gefalle, sich jeweils rund einen Monat auf eine Region zu konzentrieren und anschließend Pausen einzulegen, statt durchgehend auf Tour zu sein.
Überraschender Erfolg in den USA und schwieriges Verhältnis zur britischen Presse
Besonders bemerkenswert sei laut Starrs die von Anfang an sehr positive Resonanz in den USA gewesen – ein Umstand, der ihn selbst überrascht habe. Während Großbritannien zunächst zurückhaltend reagierte, sei Europa der Band grundsätzlich wohlgesonnen gewesen, doch die USA hätten die Band nahezu sofort angenommen. Bereits die erste US-Tournee sei nahezu komplett ausverkauft gewesen, und seither würden die Venues bei jedem weiteren Besuch etwas größer.
Ganz anders gestaltete sich hingegen das Verhältnis zur heimischen britischen Fanbasis. Als UNCLE ACID AND THE DEADBEATS im Jahr 2013 BLACK SABBATH auf Tour unterstützten, begann die Reise in Europa – dort reagierten die Fans durchweg positiv, obwohl kaum jemand die noch unbekannte Vorband kannte. Beim letzten Konzert dieses Tourabschnitts in Paris hätten die Fans laut Starrs sogar „Uncle Acid“-Sprechchöre angestimmt, als die Band die Bühne verließ. Diese positive Stimmung habe sich jedoch schlagartig geändert, sobald die Tour Großbritannien erreichte: Bereits nach dem ersten Konzert seien rund 20 negative Nachrichten auf der Facebook-Seite der Band eingegangen, in denen unter anderem die Haarlänge der Musiker bemängelt und die Berechtigung, SABBATH zu unterstützen, infrage gestellt wurde. Dieses ablehnende Verhalten habe sich nach jedem weiteren britischen Konzert der Tour wiederholt. Für Starrs bleibt dieses Verhalten bis heute schwer nachvollziehbar, zumal die musikalische Ausrichtung der Band gar nicht so weit von BLACK SABBATH entfernt sei.
Hommage an Ozzy Osbourne mit „Believer“
Abschließend ging Starrs auch auf die Coverversion von Ozzy Osbournes Song „Believer“ ein, die zeitlich in die Nähe von Osbournes Tod fiel. Die Melodie des Songs sei ihm bereits einige Tage vor dessen Tod im Kopf herumgegangen, ohne dass er sich zunächst an den Titel erinnern konnte. Erst nach Osbournes Tod habe er den Song auf dem Album „Diary Of A Madman“ wiedergefunden und sich spontan entschieden, ihn zu covern – bewusst abseits der naheliegenderen SABBATH-Klassiker. Starrs erzählt zudem, dass er ursprünglich versucht habe, den bekannten Bassisten Rudy Sarzo für die Aufnahme zu gewinnen, dieser jedoch terminlich verhindert gewesen sei. Letztlich übernahm Bassist Justin Smith den Part und erledigte laut Starrs eine hervorragende Arbeit.
Mit „Shapes Of Midnight“ liefern UNCLE ACID AND THE DEADBEATS ein Album, das sowohl die okkulte Retro-Ästhetik ihrer frühen Werke als auch die synthetischen Experimente jüngerer Veröffentlichungen miteinander verbindet. Die Rückkehr zur Unabhängigkeit über das eigene Label Killer Candy Records unterstreicht dabei den kompromisslosen künstlerischen Anspruch der Band, während die Aufnahmen in den Abbey Road Studios dem Album einen zusätzlichen historischen Glanz verleihen. Zwischen anhaltendem Erfolg in Nordamerika und einem nach wie vor ambivalenten Verhältnis zur britischen Heimatpresse zeigt sich einmal mehr, wie unterschiedlich die Wahrnehmung einer Band je nach Markt ausfallen kann – während Starrs sich musikalisch und konzeptionell weiterhin treu bleibt und mit seiner dystopischen Erzählwelt den Zeitgeist auf eigene, unverwechselbare Weise spiegelt.
Quelle: Blabbermouth· Originalartikel ↗
Zuletzt aktualisiert: 30.9.2026, 14:15:57
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